SuizidPrävention - Kanton Zürich

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Videoclips mit Geschichten von Menschen, die einen Suizidversuch überlebt haben

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Momo Christen

Sie hat ihre Erfahrungen auch in einem Buch beschrieben. Mehr darüber auf www.momochristen.ch

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Daniel Göring

Seine Erfahrungen mit Erschöpfungsdepression hat er im Buch «Der Hund mit dem Frisbee» verarbeitet. www.danielgoering.ch

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Philipp Zürcher

Seine Geschichte erzählt er auch im Film «gleich und anders»: www.gleichundanders.ch

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«Suizidgedanken sind kein feiger Akt von egoistischen Menschen»

Überlebende eines Suizidversuches (56 Jahre) und Mutter einer suizidgefährdeten Tochter

Wie kann ein kleines Kind von gerade mal acht Jahren bereits das Gefühl entwickeln, das Leben sei unerträglich und der Tod sei der einzige Ausweg? Ich weiss es nicht und dennoch ist es mir vor vielen Jahren genau so ergangen. Ist stand am Aareufer und wollte springen, weil ich das Leben einfach nicht mehr aushielt. Ich wurde davon abgehalten. Darüber gesprochen hat man nicht mit mir. Auch nicht, als ich es mit 17 Jahren nochmals versuchte und es mir beinahe gelang. Das war in der Familie und im Bekanntenkreis einfach kein Thema: «Man spricht nicht darüber!»

Ungebetener Gast Todessehnsucht

Mit 19 Jahren wurde ich Mutter und war überzeugt, nun endlich einen Sinn in meinem Leben zu haben, der mich vor weiteren Suizidgedanken schützen würde. Aber dem war leider nicht so. Trotz dem grossen Glück, Mutter von drei wunderbaren Töchtern zu sein, gelangte ich immer wieder an den Punkt, an welchem einfach alles nur noch unüberwindbar erschien und die Todessehnsucht sich – wie ein ungebetener Gast – zurückmeldete. Das löste ganz starke Schuld- und Schamgefühle aus. Denn sobald es mir ein wenig besser ging, konnte ich mir partout nicht vorstellen, wie ich als Mutter dreier Töchter so etwas auch nur denken konnte. Ich konnte mit niemandem darüber sprechen, weil es niemand hören wollte, weder meine Pflegemutter, noch mein damaliger Ehemann. Beide vertraten die Meinung, das sei mit positivem Denken und «sich Zusammenreissen» beeinflussbar. Kurz, es läge an mir, dass das immer wieder passiere.

Suizidgedanken: Wie Fieber bei der Lungenentzündung

Erst Jahre später, als dann meine älteste Tochter an Schizophrenie erkrankte, habe ich angefangen mich mit psychischen Erkrankungen auseinanderzusetzen. Es war ein langer und steiniger Weg, aber für mich schliesslich auch die «Rettung.» Ich habe begriffen, dass Suizidgedanken und Suizidhandlungen kein feiger Akt von egoistischen Menschen sind, wie mir immer mal wieder vorgehalten wurde. Sondern ein Symptom, in meinem Fall hervorgerufen durch eine Krankheit mit dem Namen Depression. Zu erfahren, dass ich damit nicht alleine war und nichts dafür konnte, hat sehr gut getan. Suizidgedanken sind wie Fieber bei einer Lungenentzündung, erklärte man mir. Dafür kann man nichts. Aber wie bei einer Lungenentzündung lassen sich «Fieber» - oder eben Suizidgedanken - therapieren. Ich habe in der Therapie gelernt, meine Frühwarnzeichen ernst zu nehmen und rechtzeitig zu reagieren, um es gar nie mehr so weit kommen zu lassen, dass diese Gedanken mich überrumpeln.

Darüber reden hilft

Die Schizophrenie-Erkrankung meiner Tochter hatte leider auch bei ihr unzählige Suizidversuche zur Folge. Auch da hiess es immer wieder: «Wie kann sie euch das nur antun?» oder «Wie lange wollt ihr euch noch von ihr manipulieren lassen?» Solche Äusserungen wurden sogar dann gemacht, wenn sie bewusstlos auf der Intensivstation lag und mir ausser Hoffen und Bangen nichts mehr übrig blieb. Dank meinen Erfahrungen ist es mir möglich – wenn es auch weht tut – mit meiner Tochter darüber zu reden. «Es» anzusprechen und zuzuhören, ohne moralisierende Kommentare und Schuldzuweisungen. Und sie dabei trotzdem wissen zu lassen, was die Angst, sie zu verlieren, mit mir macht.
Und wie bei den meisten Menschen, ist dieses wertfreie «darüber reden» und das Anerkennen von tiefem seelischen Schmerz oft schon der Weg aus der Todessehnsucht heraus. Solange Suizide tabuisiert werden, solange werden Betroffene Mühe haben, sich jemandem anzuvertrauen. Wenn aber Suizidgedanken und -versuche als Symptom einer Krankheit anerkannt werden, können sich Menschen in Krisen an jemanden wenden, bevor es zu spät ist. Ohne Angst haben zu müssen, deswegen verurteilt zu werden. Im Gespräch finde ich wichtig, dass man diesen Fragen nachgeht: «Was für Situationen oder Lebensumstände führen zu solch gravierenden seelischen Erschütterungen? An wen kann ich mich wenden, wenn es mir wieder passiert?

Hoffen, dass die Liebe trägt

Mir ist ganz klar, dass unser «darüber reden», keine Garantie dafür ist, dass meine Tochter es nie mehr versucht oder – schlimmer noch – daran sterben wird. Mir ist auch bewusst, dass ich sie mit jeder Faser meines Körpers lieben und es vielleicht trotzdem nicht verhindern kann. Eines Tages, sah ich mich mit der Frage meiner Tochter konfrontiert, was ich denn tun würde, wenn sie sich umbringen würde? Spontan, aber mit schwerem Herzen, habe ich ihr Folgendes geantwortet: «Solltest du das Leben nicht mehr aushalten können und angenommen, du würdest deswegen ins Waser springen, obwohl du nicht schwimmen kannst, dann würde ich dir einen Rettungsring hinterherwerfen und mir ganz fest wünschen, dass du ihn auch ergreifst. Solltest du das aber nicht tun, würde ich dich nicht mit Gewalt ans Ufer zerren lassen.» Nach wie vor ist das meine Haltung. Ich liebe meine Töchter und hoffe, dass diese Liebe sie tragen wird, durch all die Stürme, die das Leben noch für sie bereithält. Aber eines habe ich begriffen: Nicht immer lassen sich Suizide verhindern, leider! Dennoch: Lieben kann ich meine Töchter über jede Krankheit, ja auch über den Tod hinaus.

Franca Weibel
Peer-Mitarbeiterin, Clienia Littenheid

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